Heißt mehr Geld gleich mehr Sicherheit für Frauen? Gewalt an Frauen - Entwicklungen von 2019 bis 2025

Bei einem Thema wie diesem mit Statistiken anfangen zu müssen, um zumindest etwas ernster genommen zu werden, fühlt sich absurd an. Aber schon viel zu lange ist Österreich mit einer erschreckenden Zahl an Gewaltverbrechen gegen Frauen konfrontiert und schon viel zu lange schläft die Politik.

Also fangen wir mit den Zahlen an: 

Jahreszahlen         Femizide        Mordversuche und schwere Gewalt
20193922
20202430
20213163
20222930
20232540
20242639
20251325

 

Was ist ein Femizid?
Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts.
Die Täter sind in den allermeisten Fällen Person aus dem engsten Familien – oder Beziehungsumfeld des Opfers. Die Tatmotive sind oft Trennung und Scheidung, persönliche Notlagen wie finanzielle Probleme oder Arbeitslosigkeit, die durch die Teuerungen zusätzlich verschärft werden. 

 

Femizide sind die Spitze der Gewaltpyramide. Die Gewalt, die Frauen tagtäglich in jedem Lebensbereich erleben müssen, beginnt schon lange vorher. 23% der Frauen in Österreich zwischen 18 und 74 Jahren erleben ab ihrem 15 Lebensjahr sexualisierte Gewalt. 

Gewalt an Frauen beginnt nicht beim ersten Schlag. Gewalt an Frauen beginnt beim Alltagssexismus mit sexistischen Witzen, anzüglichen Sprüchen und Catcalling. Gewalt an Frauen beginnt bei emotionaler Gewalt wie Kontrolle und Einschüchterung. Gewalt an Frauen beginnt überall dort, wo Frauen aktiv abgewertet werden - psychisch, verbal, physisch, aber auch strukturell und ökonomisch.

Worüber in Österreich viel zu selten gesprochen wird: Häusliche Gewalt. In Österreich erhebt das Innenministerium keine offizielle Femizid-Statistik und auch keine offizielle Statistik zu Fällen von häuslicher Gewalt. Wir versuchen uns dem Thema durch andere Statistiken zu nähern:

 

Jahreszahlen                 
               
von der Polizei verhängte Betretungs- und Annäherungsverbote (Häusliche Gewalt-Indikator)
 
2019
 
8.748 Betretungs-/Annäherungsverbote
 
2020
 
11.652 Betretungs-/Annäherungsverbote
 
2021
 
13.690 Betretungs-/Annäherungsverbote
 
2022
 
14.643 Betretungs-/Annäherungsverbote
 
2023
 
15.115 Betretungs-/Annäherungsverbote
 
2024
 
14.583 Betretungs-/Annäherungsverbote
 
2025Noch keine vollständige offizielle Statistik für 2025 veröffentlicht

 

Häusliche Gewalt bezeichnet Gewalttaten zwischen Personen, die in einem Haushalt zusammenleben. Der Begriff beinhaltet somit nicht nur Gewalt in Beziehungen, sondern auch Gewalt innerhalb der Familie, sowie Wohngemeinschaften. Insbesondere im partnerschaftlichen Kontext sind oft Mädchen und Frauen betroffen. 

 

Zu welchem Thema wir nun aber wirklich absolut keine Statistik bieten können: Die Fälle von sexualisierten Übergriffen in Österreich. Es ist völlig absurd, dass Mädchen und Frauen in jedem einzelnen Lebensbereich tagtäglich sexualisierte Gewalt erfahren und es von Seiten der Politik absolut kein Interesse gibt, diesem Problem auf den Grund zu gehen. Klar, die Arbeit für Gewaltschutz ist nicht mit der Erhebung von Zahlen getan - aber irgendwo müssen wir doch anfangen, wenn wir dieses Problem lösen wollen, oder?

Anstatt sich den echten Problemen zu widmen, wird das  Thema “Gewalt an Frauen” von der Politik viel lieber für etwas Anderes verwendet: Rassistische Instrumentalisierung und die Verbreitung von Hass und Hetze. Ein Großteil der Fälle von Gewalt an Frauen weist keine Angaben zu der Herkunft der Täter aus. Dennoch wird das Narrativ aufgebaut, dass Gewalt an Frauen ein „Ausländerproblem“ ist, anstatt es als strukturelles Problem im Patriarchat zu benennen. 

 

Nationalität der Täter, gruppiert               Häufigkeit                Prozent
Österreich
 
67
 
72,0%
 
davon Migranten
 
14
 
15,1%
 
Ausland
 
25
 
27%
 
davon EU-Mitgliedstaaten
 
5
 
5,4%
 
davon Drittstaaten
 
18
 

19,4%
davon staatenlos
 
2
 
2,2%
 
k.A.
 
1
 
1,1%
 
Gesamt93100% (aufgrund von Runden beträgt die Summe nicht 100%)

 

Der gefährlichste Ort für eine Frau ist nicht nachts in irgendeiner dunklen Gasse und einem “fremden Ausländern”, sondern die eigenen vier Wände, die eigene Familie, Freund*innen und Bekannte.

 

Opfer-Täter-Beziehung                             
                          
Häufigkeit
 
Beziehung oder Ehe
 
57
 
Ex-Beziehung
 
17
 
Verwandtschaft
 
19
 
gute Bekanntschaft/Freundschaft
 
4
 
24-Stunden-Bekanntschaft
 
2
 
keine
 
1
 
Gesamt100

 

Es gibt mittlerweile auch endlich Berichte darüber, dass die Aussagen über Migrantenkriminalität irreführend sind und die Realität verzerren. Doch rechte und konservative Politiker*innen und Parteien werden nicht aufhören Gewalt an Frauen zu nutzen, um Hass und Hetze verbreiten zu können. 

Das bemerken wir auch, wenn wir uns die aktuelle Kopftuchverbot-Debatte genauer ansehen. Hier liest man, dass „Freiheit und Selbstbestimmung, sowie Gleichberechtigung der Geschlechter“ besonders im muslimischen Religionsunterricht thematisiert werden soll. Solche Punkte implizieren verstärkt das rassistische Narrativ, dass vor allem muslimische Migranten frauenfeindlich sind (österreichische Männer natürlich garnicht!!!) und, dass muslimische Frauen und Mädchen durch das Tragen des Kopftuches unterdrückt werden und von den westlichen Männern gerettet werden müssen, indem ihnen verboten wird, selbst zu bestimmen, was sie anziehen möchten. (Die letzten Sätze sind mit Sarkasmus zu lesen ;))

Hier stellt sich die Frage: Was macht die Politik dagegen?

Um der Gewalt gegen Frauen entgegenzuwirken, wurde ein Nationaler Aktionsplan ins Leben gerufen. In verschiedenen Handlungsfeldern sollen bis 2029 gezielte Maßnahmen gesetzt werden, um den Frauen und Mädchen in Österreich ein gewaltfreies Leben zu ermöglichen. Dieser Aktionsplan soll ein Bekenntnis zur Istanbul-Konvention im Jahr 2011 darstellen. So sollen in Schulen Themen wie Gewaltschutz und Gewaltprävention sowie die Gleichstellung der Geschlechter erforderlichenfalls in die Lehrpläne aller Schulstufen erfolgen. In diesem Aktionsplan sind 350  Maßnahmenvorschläge, unter anderem das bereits erwähnte Kopftuchverbot. 

Wie viel Budget ist für die geplante Gewaltschutzarbeit denn überhaupt da? 

Im Haushaltsplan des Bundes ist das Budgetmittel für Frauenangelegenheiten, Gleichstellung und Gewaltschutz angeführt. 

 

(in Mio. EUR)

2019      2020     2021     2022     2023    2024    2025    2026
10,36612,1514,6518,424,333,633,634,1

 

In den vergangenen 7 Jahren hat sich das Budgetmittel für Frauenangelegenheiten, Gleichstellung und Gewaltschutz auf das Dreifache erhöht. Ein besonders hoher Anstieg ist im Jahr 2024 zu beobachten, in welchem die Mittel um 9,3 Mio. EUR stiegen. Laut Budgetberichten sollen diese Erhöhungen besonders für den Gewaltschutz, Notunterkünfte und Übergangswohnungen, Beratungsstellen und den Österreichischen Fonds zu Stärkung und Förderung von Frauen und Mädchen genutzt werden. 

Die Budgeterhöhungen zeigen, dass das Thema Gewalt gegen Frauen auch in der Politik endlich an Bedeutung gewonnen hat. Es wurden Maßnahmen genannt, um die Istanbul Konvention aus dem Jahr 2014 umzusetzen und Schutz für Frauen und Mädchen zu gewährleisten.

Die Istanbul-Konvention ist ein internationales Abkommen zum Schutz von Frauen vor Gewalt. Sie verpflichtet Staaten dazu, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Opfer besser zu schützen und Täter zu bestrafen. Die Konvention wurde 2011 beschlossen und wird heute von vielen europäischen Ländern – darunter auch Österreich, Deutschland und Frankreich – umgesetzt. Ziel ist es, Frauen und Mädchen ein Leben ohne Gewalt zu ermöglichen.

 

Entscheidend ist am Ende jedoch, was diese Maßnahmen tatsächlich bewirken und ob Frauen und Mädchen damit auch wirklich geschützt werden. Systematische Unterdrückung und patriarchale Denkweisen, die so tief in unserer Gesellschaft verankert sind, werden nicht so einfach mit einem Kopftuchverbot oder ein paar Workshops aufgehoben. Es benötigt die Initiative von Männern selbst und aktive kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Geschlechterrollen und Machtverhältnissen.

Gewalt an Frauen beginnt bereits viel früher als man denkt und ein Femizid ist nur die Spitze eines riesigen Eisberges. Hinter den Zahlen und Statistiken zu Frauenmorden und häuslicher Gewalt (die es teilweise nicht mal gibt) stecken Frauen und Mädchen, die unter einem System leiden, welches sie aktiv benachteiligt und unterdrückt. Hinter diesen Zahlen stecken Frauen und Mädchen, die aufgrund patriarchaler Strukturen, Denkweisen und Machtverhältnissen ihr Leben verloren haben.

Hinter diesen Zahlen stecken Frauen und Mädchen, die einst selbst Träume und Ziele hatten. Hinter diesen Zahlen stecken Frauen und Mädchen, die ein Leben verdient haben, das nicht von Gewalt geprägt wurde. 

Text: Asja Ahmetovic & Parhanna Hannan