Ukrainekrieg aus einer antiimperialistischen Perspektive

1568 Tage. 4 Jahre 3 Monate und 14 Tage. Das ist die Länge des Ersten Weltkrieges.

Mit Juni dieses Jahres dauert der Krieg in der Ukraine bereits länger als 1568 Tage. Länger als der Erste Weltkrieg. In diesen mehr als 4 Jahren starben ca. 600 000 Soldat*innen (1), 16 000 Zivilist*innen (2) und mindestens 800 Kinder (3). Diese vier Jahre brachten unglaubliches Leid für so viele Ukrainer*innen und Russ*innen.

Während der Krieg unaufhörlich weitergeht, steigen jedes Monat die Zahlen der getöteten Zivilist*innen. Viele dieser Menschen wurden durch Drohnen getötet. Billig. Leise. Tödlich. Dies ist der erste Krieg in der Geschichte, in dem Drohnen eine so große Bedeutung zukommt. Gerade diese Waffe zeichnet sich dadurch aus, dass sie gut dazu geeignet ist, Zivilisten in frontnahen Gebieten zu attackieren. Drohnen verändern den Krieg nicht nur an der Front, sondern auch für alle Zivilist*innen. Dabei zeigen sich hier erneut die Mechanismen des Kapitalismus. Unaufhörlich werden neue Drohnen entwickelt. Immer billiger. Immer tödlicher. Dadurch werden auch immer bessere Abwehrsysteme notwendig - ein ständiger Kreislauf aus Weiterentwicklung, der unglaubliche Mengen an Ressourcen, Gelder und Menschenleben verschlingt.

Doch wie so oft ermöglicht ein Krieg eine große Anzahl an Gewaltverbrechen, die nicht direkt mit dem Schlachtgeschehen in Verbindung stehen. Gerade in Kriegsgefangenschaft erleiden viele ukrainische Soldaten brutalste Folter. So wird ihnen bewusst Essen oder Schlaf entzogen und sie werden physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt. Dies zeigen zum Beispiel Interviews, die Human Rights Watch mit 12 ehemaligen Kriegsgefangenen durchgeführt hat. In diesen Interviews berichten die Befragten von Elektroschocks, sexueller Gewalt und Schlägen. Eine Kommission der UN kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Gewalt in russischen Gefängnissen gegen ukrainische Zivilist*innen und Soldat*innen potentiell ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt. (4)

Zeitgleich mit den schrecklichen Bildern aus dem Krieg in der Ukraine kommen auch immer mehr Stimmen in den Medien vor, die für Aufrüstung schreien. So spricht der deutsche Kanzler Merz schon 2025 davon, dass die deutsche Armee zur „konventionell stärksten Armee Europas werden soll“. (6)  Seitdem hat die Regierung von Merz die Militärausgaben für die kommenden Jahre erhöht. Für das Jahr 2030 sind 183 Millionen vorgesehen, was eine enorme Steigerung darstellt. (7) Auch in Frankreich spricht Macron von einer Bedrohung für Frankreich durch Russland, und auch Stocker fordert ein „wehrhaftes Österreich“. Während Milliarden in die Vorbereitung auf eine eventuelle Bedrohung gesteckt werden, wird gleichzeitig im Sozialsystem gespart. Es wird über Arbeitszeitverlängerungen diskutiert, aber für die Rüstungsindustrie fehlen nie die Milliarden.

Die Aufrüstung wird dabei immer mit demselben Argument begründet. Sie sei notwendig, um Sicherheit in Europa zu garantieren und sich vor Putin zu schützen. Dabei gibt es hier eine ganz fatale Fehlannahme. Aufrüstung schafft nie Sicherheit. Das Vorhandensein von Waffen steigert nur das Potenzial eines Konflikts. Aufrüstung ist keine Maßnahme, um einen Krieg zu verhindern, es ist eine Maßnahme, um einen Krieg zu erzeugen. Gerade eine uneingeschränkte Aufrüstungsspirale, verbunden mit allgemeiner Kriegsstimmung, kann extrem gefährlich werden. So führten 1914 genau diese Faktoren Europa in die größte bis dahin bekannte Katastrophe.

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurde der „Imperialismus“ in den Medien Europas und den Reden der Politiker*innen zum geflügelten Wort. Rechte und liberale Medienhäuser berichteten vom Wiedererstarken einer „längst vergessenen“ Ideologie, die vermeintlich am Dachboden der Geschichte schon Staub gefangen und nun in Russland einen Jungbrunnen gefunden hat. Aber genauso wenig wie sich Kapitalismus auf ein Land beschränkt, ist auch der Imperialismus kein Phänomen einer einzigen Nation, sondern ein globales System. Während Liberale und Konservative Politiker*innen der Meinung sind, dass der Imperialismus mit dem Ende der Kolonien in Afrika, Asien und Südamerika auch selbst gestorben ist, sieht man bei einer näheren Analyse, dass imperiale Verhältnisse keineswegs den Planeten verlassen haben. Jede Silbermine in Potosi in welche Kinder für einen Hungerlohn arbeiten und jeder Bombenkrater im Irak sind die besten Beispiele dafür, dass eben nicht nur Russland illegale Angriffskriege führt und Menschenrechte verletzt, sondern JEDER kapitalistische Staat imperialistisch agiert.

Das beste Beispiel dafür, dass sich Imperialismus nicht nur auf einen Staat beschränkt, ist das Verhältnis der USA und der EU zur Ukraine selbst. Entgegen den Angaben, die Ukraine entgegen jedem Selbstzweck außer der „Verteidigung des Friedens“, zu unterstützen, sind es die USA, welche von der Ukraine Rohstoffdeals im Umfang mehrerer hundert Milliarden US-Dollar gefordert haben, um weiter Waffen geliefert zu bekommen. Gleichzeitig stürzen die Wiederaufbau-Kredite der EU die Ukraine in eine tiefe Abhängigkeit von den globalen Finanzmärkten und dem Interesse westeuropäischer Politiker*innen. Echte Unterstützung in einem Befreiungskampf schaut anders aus!

Deswegen kann es auch kein Ziel sein, das Militär weiter auszubauen, um „sich selbst vor dem Imperialismus zu schützen“. Die Geschichte hat gezeigt, dass jedes Land mit einem ausreichenden Militärapparat, diesen auch nutzt, um die Klasseninteressen der eigenen Bourgeoisie durchzusetzen. Aufrüstung hilft weder den Menschen in der Ukraine, noch den Menschen Europas, noch dem Rest der Welt. Die einzige Politik, welche in Europa und auf der Welt Frieden bringen kann, ist eine, die uns weg vom ewigen Expansions- und Konsumzwang des Kapitalismus führt und hin zu einer sozialistischen Gesellschaft.

Wer also die Lage zusammenfasst sieht, dass es am Ende auch bei diesem Krieg Sieger*innen und Verlierer*innen gibt, lange bevor der Krieg überhaupt ein Ende gefunden hat. Auf der einen Seite die unzähligen Zivilist*innen, die Soldat*innen und Kinder auf allen Seiten, die ihr Leben am Schlachtfeld gegeben haben. Auf der anderen Seite Putin, die Oligarchen Russlands und die europäische Rüstungsindustrie, welche vor lauter Aufträgen mittlerweile sogar Autofabriken zu Rüstungsunternehmen umbauen, um der Nachfrage an Tötungsmaschinen nachzukommen. Wieder einmal sind es die Arbeiter*innen, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben lassen, und Kapitalist*innen die in ihren Villen den Profit des Krieges für sich spielen lassen. Die Antwort kann auch heute nur eine sein: „Arbeiter*innen aller Länder vereinigt euch.“ Wer ein Ende des Leidens haben will, darf nicht noch mehr in Rüstung investieren, sondern muss sich für den Kampf gegen Militarisierung und Kapitalismus einsetzen. Imperialismus kennt nur eine Antwort: Widerstand.

 

1)Russia-Ukraine war: How one Russian village lost its fighting-age men to conflict  
2) UN (2026): Ukraine, Protection of civillians in armed conflicts, May 2026 Update, Protection of Civilians in Armed Conflict — May 2026 | United Nations in Ukraine
3) UN (2026) Attaks against Ukraine's energy infrastructure and update on the human rights situation in ukraine Attacks against Ukraine’s energy infrastructure and update on the human rights situation in Ukraine, 1 December 2025 – 31 May 2026 | United Nations in Ukraine 
4) OHCR (2025): The impact of the armed conflict and occupation on children`s rigths in ukraine 2025-03-21 OHCHR Report on Children's Rights in Ukraine.pdf
5) Human rights watch (2025): Russias systematic torture of ukrainian POW Russia’s Systematic Torture of Ukrainian POWs | Human Rights Watch 
 6) UN (2024): Report of the Independent International Commission of Inquiry on Ukraine (A/79/549) (Advance unedited version) [EN/RU/UK] Document Viewer 
7) Baumann (2025): Merz will Bundeswehr zur stärksten Armee Europas machen, Standard, Merz will Bundeswehr zur stärksten Armee Europas machen - Deutschland - derStandard.at › International

 

Text: Felix Petutschnig & Julia Hirsch