Zeugnis für die Bildungspolitik: Warum das Schulsystem heuer nur ein „Nicht genügend“ bekommt
Diesen Freitag bekommen tausende Schülerinnen und Schüler in Wien ihr Zeugnis verliehen. Für viele ist das ein Tag voller Frust, denn selten sieht man so klar, wofür in unserem Bildungssystem Platz ist, und wofür nicht: Schüler*innen sollen möglichst viel leisten und in stressigen Prüfungssituationen abliefern. Raum für persönliche Interessen, soziales Lernen und Kreativität bleibt selten. Gleichzeitig ist im politischen Diskurs häufig die Rede von einer Generation, die immer leistungsschwacher wird. Dabei werden Probleme zu oft an Individuen festgemacht, anstatt die Strukturen, in denen wir jeden Tag lernen, kritisch zu hinterfragen. Deswegen drehen wir den Spieß um: Diesmal werden nicht wir benotet, sondern wir bewerten, was bildungspolitisch im letzten Schuljahr alles schiefgelaufen ist!
Ein zentrales Problem ist der anhaltende Lehrkräftemangel. Viele erfahrene Lehrerinnen und Lehrer gehen in Pension, während nicht genügend Nachwuchs nachkommt. Ende August 2025 waren in Wien daher noch immer mehr als 240 Stellen für Lehrer*innen ausgeschrieben. Diese Engpässe an fertig ausgebildeten Lehrer*innen füllen Quereinsteiger*innen oder Lehramtsstudierende. Um die Ausbildungszeit zu verkürzen, wird ab Herbst 2026 der Lehramtsbachelor von 8 Semester auf 6 Semester gekürzt. Damit werden die Student*innen zwar schneller mit ihrem Studium fertig, den angehenden Lehrer*innen fehlt in Zukunft aber ein ganzes Jahr an Fachwissen und Know-How über den Unterrichtsalltag. Gekürzt wird voraussichtlich vor allem im Bereich der verpflichtenden Praktika, die für Lehramtsstudent*innen besonders wichtig sind. Während aber ganz Österreich einen massiven Mangel an Lehrer*innen zu beklagen hat, steigt die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte durch große Klassen, administrative Aufgaben und zusätzliche Anforderungen enorm.
Den Preis dieses Lehrer*innenmangels zahlen zudem nicht nur die Lehrer*innen selbst, sondern auch die Schüler*innen. Denn genau sie sind es, die so nicht die Unterstützung bekommen, die ihnen eigentlich zustünde. Was es braucht, ist bessere Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. Und vor allem auch Unterstützung in der Schule: Es braucht ausgebildete Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen, die den Schüler*innen schnell und unkompliziert Hilfe zukommen, wenn sie diese benötigen. Denn Leistungsdruck, soziale Medien, Mobbing und die Nachwirkungen der vergangenen sowie gegenwärtigen Krisen führen dazu, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler psychosoziale Unterstützung benötigen. Das ist seit Jahren bekannt, aber vor allem die Coronakrise hat den Ernst der Lage besonders deutlich aufgezeigt.
Zudem sehen wir, dass in unserem BildungssystemErfolg weiterhin vererbt wird. Dieser hängt nämlich noch immer stark vom Einkommen der Eltern ab. Kinder aus einkommensschwachen Haushalten schließen statistisch weiterhin seltener die Schule mit Matura ab. Eine Lösung dafür wäre ein starker Ausbau von Ganztagsschulen: So könnte man diesen bestehenden Ungleichheiten entgegenwirken. Hier geht der Fortschritt im Ausbau österreichweit stark auseinander: Während in Wien mehr als die fast sechzig Prozent aller Pflichtschüler*innen eine Ganztagsschule besucht, liegt die Quote in Tirol bei nicht einmal 20%. Der Ausbau solcher Strukturen müsste höchste Priorität haben, wenn man als Bildungsminister wirklich das Ziel hat, allen Kindern in Österreich die beste Unterstützung und Förderung zu gewähren.
Von Seiten der Bundesregierung setzte man im vergangenen Jahr aber lieber auf rassistische Symbolpolitik als nachhaltige Investitionen in Bildung. Im Winter wurde ein Gesetz verabschiedet, welches Mädchen bis 14 Jahre das Tragen eines Kopftuches verbietet. Ein ähnliches Gesetz wurde 2020 unter Schwarz-Blau-II schon verabschiedet, und ein paar Monate später vom Verfassungsgerichtshof wieder gekippt. Argumentiert wird das Gesetz mit der vermeintlichen unterdrückenden Rolle des Kopftuchs. So schmückt man sich mit einer billigen Lösung für ein gesamtgesellschaftliches Problem. Denn die Unterdrückung von Mädchen und Frauen ist nicht auf eine einzige Religion begrenzt. Würde die Regierung Mädchen- und Frauenförderung ernst nehmen, ginge es um strukturelle Veränderungen und große Investitionen, sowohl in der Schule als auch außerhalb.
Unser Schuljahr schloss – wie jedes Jahr – wieder mit der Matura ab. In den letzten Jahren gab es hier immer wieder kleine Veränderungen, zum Beispiel was die Anrechnung der Jahresnote oder das Verlangen einer Abschlussarbeit anging. Woran aber nie gerüttelt wurde, war die Frage, ob eine solche Knock-Out-Prüfung nach mindestens 12 Jahren Schule wirklich notwendig ist. Unsere Antwort ist klar: Nein! Das Konzept ist nicht nur komplett veraltet – wenige andere Länder haben noch immer eine vergleichbare Prüfung – es setzt Schülerinnen uns Schüler auch unnötigerweise unter enormen Druck.
Es braucht endlich große Veränderungen in unserem Schulsystem. Mit Blick auf die Zukunft, wo sich viele dieser Probleme – Lehrer*innenmangel zu Lristungsdruck - nur noch zuspitzen werden, wäre jetzt der Augenblick, in dem es langfristige und mutige Investitionen bräuchte, damit die Schule endlich ein Ort wird, in dem Förderung und Unterstützung im Vordergrund steht.
Text: Fanny Giessmann