Es ist nur ein Stück Stoff

Ich soll einen Text gegen das Kopftuchverbot schreiben. Als wäre das eine Übung. Als wäre es neutral. Als wäre ich nicht selbst der Gegenstand dieser Debatte. Ich sitze da und frage mich nicht, was ich sagen soll, sondern warum ich überhaupt gezwungen bin, es zu sagen. Warum meine Existenz erklärungsbedürftig ist. Warum mein Körper politisch ist. Warum mein Leben zu einem Diskussionsthema gemacht wurde. Versteht mich nicht falsch: Ich spreche gerne über mein Kopftuch. Ich schreibe gerne darüber. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, darüber zu schreiben. Es ist Teil meiner Identität. Aber es ist nicht meine ganze Existenz. Nicht einmal ein Bruchteil davon. Ich liebe Sport, das Gym, Laufen, Fahrradfahren, Boxen. Ich liebe Kunst in all ihren Formen: Literatur, Kalligrafie, Gemälde, Poesie.Mein Kopf ist laut, manchmal zu laut, voller Gedanken, Ideen, Kreativität und Widerspruch. Aber niemand sieht das.

Oder besser gesagt: Niemand will es sehen. Ihr habt euch entschieden, blind zu sein. Blind vor euren Vorurteilen. Blind vor Bequemlichkeit. Blind vor einer Realität, die nicht in euer Weltbild passt. Ihr habt euch eingeredet,ihr müsstet uns vor einer Gefahr „beschützen“. Dabei seid ihr es, eure Gesetze, eure Regelungen, eure endlosen Debatten, die zur Gefahr für meine Existenz werden. In euren Augen bin ich kein Mensch. Keine junge Frau mit Träumen, Fehlern, Zukunft. Ich bin eine Kategorie. Ein Symbol. Eine von vielen „Hijabis“. Und genau dieser eine Teil wird genommen,vergrößert, verzerrt und mir wie ein Etikett auf die Stirn geklebt. Seitdem ich es trage, werde ich reduziert. Nicht gefragt. Nicht gehört. Nur bewertet. „Es ist doch nur ein Stück Stoff“, sagt ihr. Und genau hier beginnt der Widerspruch. 
Denn wenn es nur ein Stück Stoff ist, warum beschäftigt es eure Gesetze? Warum eure Talkshows? Warum eure Wahlplakate? Warum eure Angst?
Man verbietet mir keinen Stoff. Man verbietet mir Entscheidung. Man verbietet mir Selbstbestimmung. Ihr nennt es Schutz, aber meint Kontrolle.
Ihr meint, ihr wollt Frauen befreien, indem ihr ihnen vorschreibt, wie Freiheit auszusehen hat. Ihr sprecht von Unterdrückung und antwortet darauf mit Zwang und Verboten. Ich möchte nicht einmal auf die Diskussion um das Alter eingehen. Nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern weil sie die größte Doppelmoral dieser Debatte entlarvt.Ihr sagt, junge Mädchen müssten „geschützt“ werden.

Zu jung, um Entscheidungen über ihren Körper zu treffen. Zu jung, um zu wissen, was sie wollen. Zu jung, um sich selbst zu verstehen. Und gleichzeitig erlaubt ihr genau diesen Mädchen, über ihren Körper in allen anderen Bereichen zu entscheiden. Sie dürfen sich schminken. Sie dürfen sich rasieren. Sie dürfen Bikinis und enge Kleidung tragen. Sie dürfen Diäten machen, Social Media konsumieren, sich sexualisieren lassen und Schönheitsidealen ausgesetzt sein, die selbst Erwachsene zerbrechen lassen. Aber plötzlich sollen sie zu jung für ein Stück Stoff auf ihrem Kop seinf? Ihr sprecht jungen Mädchen die Fähigkeit ab, eine bewusste Entscheidung zu treffen, aber nur dann, wenn euch diese Entscheidung nicht passt. Das ist kein Schutz. Das ist Bevormundung Und wenn wir ehrlich sind… Es ging euch nie um das Alter. Denn eure Argumentation ist widersprüchlich. Selektiv. Und bequem. Das „Alter“ ist kein Argument. Es ist ein Vorwand. Ein erster Schritt. Ein langsamer Einstieg. Ein Testlauf.

Und noch etwas verschweigt ihr konsequent…Ein Kopftuchverbot schützt kein einziges Mädchen, das tatsächlich gezwungen wird, eines zu tragen. Denn wenn ein Mädchen außerhalb der Schule gezwungen wird, ein Kopftuch zu tragen, dann wird die Schule davon nie erfahren. Sie nimmt es vor dem Schultor ab und setzt es danach wieder auf. Das Verbot macht Zwang nicht sichtbar. Es macht ihn unsichtbar. Ihr nehmt der Schule damit jedes Mittel, überhaupt hinschauen zu können. Ihr verhindert Gespräche, Vertrauen, Unterstützung.Ihr zwingt Mädchen dazu, ein Doppelleben zu führen. Wenn es euch wirklich um Schutz ginge, würdet ihr zuhören. Beobachten. Unterstützen. Aber ein Verbot schützt nicht. Es verschiebt das Problem und lässt die Betroffenen damit allein. Heute sind es die Minderjährigen. Morgen „der gesellschaftliche Druck“. Übermorgen „die Neutralität“. Und irgendwann ein vollständiges Verbot. Ich sage das jetzt. Und wir werden es in ein paar Jahren sehen.

Also beantwortet mir eine Frage, liebe Regierung: Was macht Österreich besserals einen Staat, der Frauen zwingt, sich zu bedecken, wenn ihr Frauen zwingt, sich zu entkleiden? Ihr sprecht von Emanzipation, von Entwicklung, von Freiheit. Und merkt nicht, dass ihr genau diese Freiheit mit euren Maßnahmen zerstört. Dass ihr junge Mädchen nicht stärkt, sondern ihnen früh beibringt, dass ihre Entscheidungen falsch sind, wenn sie euch nicht gefallen.

Das ist kein Feminismus. Das ist Machtpolitik auf dem Rücken jener, die sich am wenigsten wehren dürfen -> oder von euch zumindest so dargestellt werden. Seit Jahren dieselbe Debatte. Kopftuch hier. Kopftuch da. Immer über uns. Nie mit uns. Ihr diskutiert meine Haare, meinen Körper, meine Entscheidungen, als wäre ich nicht fähig, für mich selbst zu sprechen. Und dann nennt ihr das neutral. In meinen Augen ist es keine Aufklärung, wenn man Ignoranz zur Meinung erhebt. Es ist keine Kritik, wenn Vorurteile im Anzug daherkommen. Und es ist kein Argument, wenn Unwissen so oft wiederholt wird, bis es sich wie Wahrheit anfühlt. Ich will nicht erklären müssen, warum ich mich bedecke. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen dafür, dass mein Körper mir gehört. Ich will nicht beweisen müssen, dass ich denken kann.

Vor allem will ich nicht gezwungen werden, meinen Glauben und meine Entscheidungen Menschen zu erklären, die nie vorhatten, zuzuhören. Für die Verstehen keine Option ist. Warum darf ich nicht einfach leben wie jede andere Person in diesem Land? „Es ist nur ein Stück Stoff“, sagt ihr. Und trotzdem reicht es aus, um Gesetze zu schreiben, Debatten zu führen und Existenzen infrage zu stellen. Wenn das wirklich Neutralität ist, dann ist mein Körper euer politisches Projekt.

Also sagt es wenigstens ehrlich: Es geht nicht um Stoff. Es geht um Kontrolle.
Und ich bin es, die euch stört.

Text: Nadin Khalil