Perfekte Idylle, Perfekte Abhängigkeit – Der Tradwife-Trend und das Problem der Reproduktionsarbeit
Perfekt frisiert lächeln sie in die Kamera, präsentieren selbst gebackenes Sauerteigbrot, halten ihre Kinder im Arm und tanzen in Kleidern im Stil der 1950er Jahre durch die Küche: Sogenannte ‚Tradwives‘ auf TikTok und Instagram inszenieren eine Idylle des perfekten Familienlebens und erinnern an eine vermeintlich bessere Welt mit klarer Rollenverteilung, in welcher Ehemänner das Geld verdienen und Frauen sich zu Hause ihrer ‚true femininity‘ widmen können, welche aus Kindererziehung, Haushalt und dem Entdecken neuer Kochrezepte besteht.
Der Begriff ‚Tradwife‘, ein Kofferwort aus ‚traditional‘ und ‚wife‘, bezieht sich auf einen Social-Media Trend, der in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen hat. Im Zentrum steht die romantisierte Darstellung konservativer Geschlechterrollen und traditioneller Familienbilder als erstrebenswerte Lebensform. Häufig gehen mit den Inhalten starke religiöse Überzeugungen sowie rechte und antifeministische Ideologien einher.
Gleichzeitig sind die Errungenschaften der Frauenbewegung historisch betrachtet noch sehr jung. Erst vor wenigen Jahrzehnten haben Feministinnen* durchgesetzt, dass Frauen* wählen dürfen, Zugang zu Bildung haben und selbstbestimmt einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Diese Rechte sind bis heute noch nicht weltweit erreicht und keineswegs gesichert – was beispielsweise die aktuelle Debatte um reproduktive Rechte, die sowohl in Europa als auch den USA immer lauter wird, zeigt. Angesichts dessen ist es erschreckend, dass ausgerechnet Frauen* ihre mediale Reichweite dafür nutzen, Inhalte zu verbreiten, die konservative Lebensmodelle romantisieren und feministischen Errungenschaften offen widersprechen. Ebenso beunruhigend ist die enorme Popularität dieser Inhalte. Influencerinnen wie Hanna Neilman, alias Ballerinafarm oder Nara Smith, zwei der bekanntesten Tradwives, erreichen Millionen von Followern und erhalten auf ihre Beiträge regelmäßig tausende Likes.
Zwischen Überlastung, Nostalgie und Krisen
Nach wie vor wird der Großteil der Sorge- und Hausarbeit von Frauen* geleistet. In Österreich lag der Gender-Care-Gap 20241 bei 43%, was bedeutet, dass Frauen* beinahe doppelt so viel unbezahlte Reproduktionsarbeit pro Tag geleistet haben als Männer. Gleichzeitig sind aber viele Frauen* heutzutage zusätzlich erwerbstätig. Die logische Folge ist eine doppelte Belastung durch Lohnarbeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Sehnsucht nach einem Lebensmodell mit klarer Rollenverteilung zunächst vielleicht nachvollziehbarer. Die Vorstellung, nicht gleichzeitig Beruf und Haushalt stemmen zu müssen, sondern ‚nur‘ für die Reproduktionsarbeit verantwortlich zu sein, könnte für manche als eine Lösung für die tatsächliche Überbelastung erscheinen. Darüber hinaus verspricht der Tradwife-Lifestyle eine einfachere, überschaubarere Welt: klare Rollen, eindeutige Zuständigkeiten, eine Ordnung, die als biologisch vorgegeben oder gar gottgegeben inszeniert wird. In der heutigen Zeit voller Krisen und Unsicherheiten könnte diese Vorstellung auf viele als eine einfachere, erfüllende Lösung wirken.
Unbezahlt, Ungesichert, Unsichtbar
Die Romantisierung solcher Lebensmodelle blendet jedoch die realen Konsequenzen traditioneller Geschlechterrollen auf Frauen* aus. Da die Reproduktionsarbeit weiterhin unbezahlt bleibt, werden Frauen* finanziell von ihren Partnern abhängig gemacht. Käme es zu einer Trennung oder zum Todesfall des Partners, stünden viele ‚Tradwives‘ ohne eigene Absicherung da: wenig oder gar keine Berufserfahrung, womöglich keine ausreichenden Ersparnisse, keine Pensionsansprüche. Da das traditionelle Rollenbild meist auch vorsieht, früh Mutter zu werden, gehen damit oft niedrigere Bildungsabschlüsse einher. Diese Abhängigkeit erhöht die Vulnerabilität der Frauen* gegenüber häuslicher Gewalt. Zudem stellt soziale Isolation ein weiteres Risiko dar, schließlich ist es schwieriger soziale Netzwerke aufzubauen und zu pflegen, wenn der Großteil der Zeit zu Hause und mit den Kindern verbracht werden muss.
Festzuhalten ist hierbei auch der Widerspruch des Trends: Die Influencerinnen selbst leben das konservative Modell zwar vor der Kamera, verdienen jedoch Geld mit ihrem Content, wodurch sie finanziell unabhängig sind und sich jederzeit gegen dieses Lebensmodell entscheiden könnten – eine Freiheit, die ironischerweise eine der zentralen Errungenschaften feministischer Kämpfe darstellt.
Patriarchat, Kapitalismus und rechter Kulturkampf – wer tatsächlich von traditionellen Rollen profitiert
Noch weit mehr als die Influencerinnen, die ein funktionierendes Geschäftsmodell im Tradwife-Trend entdeckt haben, profitieren davon jedoch rechte und konservative Kräfte. Auch diese vertreten seit jeher traditionelle Geschlechterrollen und antifeministische Ideen. Unbezahlte Reproduktionsarbeit stellt eine der Grundvoraussetzungen des Kapitalismus dar: Betreuung von Kindern, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit und emotionale Fürsorge werden aus dem öffentlichen in den privaten Bereich verlagert, wo sie unbezahlt geleistet werden. Es als natürlich, erstrebenswert, oder gar gottgegeben darzustellen, dass Frauen diese Arbeit übernehmen, stärkt das kapitalistische System. Auch patriarchale Strukturen profitieren davon, wenn Frauen wirtschaftlich abhängig sind. Des Weiteren sind pronatalistische Vorstellungen – insbesondere die Forderung nach mehr ‚eigenen‘, also nicht-migrantischen Kindern – seit jeher Bestandteil rechter Politik und stimmen daher mit konservativen Lebensformen, die Frauen* in die Mutterrolle drängen, überein.
Darüber hinaus schwächen traditionelle Rollenbilder potenzielle Gegenmacht: Frauen*, die wirtschaftlich abhängig sind, unbezahlt arbeiten und weniger Bildung haben, haben weniger Ressourcen für politischen, feministischen Widerstand. Auch in dieser Hinsicht profitieren Rechte von Trends, die versuchen junge Frauen von traditionellen Geschlechterrollen zu überzeugen.
Gleichzeitig passt der Tradwife-Trend zum rechten Kulturkampf rund um Geschlecht und Familie. Das idealisierte Bild der heterosexuellen Kleinfamilie mit klarer Rollenverteilung setzt eine Norm – und schließt alles, was davon abweicht, aus. Queere Lebensrealitäten, Transpersonen oder feministische Familienmodelle haben in dieser Erzählung keinen Platz. Der Kampf gegen einen angeblichen ‚Genderwahn‘ entfacht emotionalisierte Debatten, während tatsächliche Probleme wie strukturelle Ungleichheiten und Armut ausgeblendet werden. Von dieser Zuspitzung profitieren rechte Akteur*innen, die mit Angst, Nostalgie und einfachen Antworten Politik machen.
Gerechte Lösungen statt konservativen Rückschritten
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es bei der Kritik am Tradwife-Trend nicht um individuelle Lebensentscheidungen geht, sondern um die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen diese Entscheidungen stattfinden und medial glorifiziert werden. Frauen* sollten sich nicht zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit und einer Doppelbelastung durch Reproduktions- und Erwerbsarbeit entscheiden müssen. Stattdessen sind eine klare feministische Gegenposition und Strukturen, die Care-Arbeit nicht als eine private Aufgabe von Frauen* behandeln dringend notwendig. Wir brauchen keine Nostalgie, sondern Gerechtigkeit: Reproduktionsarbeit muss anerkannt und fair verteilt werden!
1 https://www.ams.at/arbeitsuchende/frauen/gender-care-gap#was-ist-ein-gender-care-gap
Text: Marlene van der Werf